Budapester Universum II/3. 5. Feber 1891

Ein Held des Circus

Aus der alten Zeit der echten Romantik ragen in unsere Tage nur noch die wandernden Zirkusgrössen hinein. Die Chroniken der alten Athleten- und Akrobaten-Geschlechter bilden Romane von spannendem Interesse. Aus den Schicksalen solch einer Zirkusfamilie theilt Signor Saltarino mancherlei mit. Wohl nie haben Artisten eine solch’ ungeheure Popularität in fast allen Ländern erlangt, wie RAppo Vater und Sohn. Frenkreich hatte die Auriol’s, Oesterreich die Wünschhüttel’s, Deutschland Kolter und Knie – alle aber überstrahlte Charles Rappo, de berühmte Jongleur und Athlet, den die Dichter in unzähligen Sonetten besangen, den die Romanciers zum Helden ihrer Romane machten.

Und wahrlich – romantisch genug ist das Leben Rappo’s gewesen. Es gab dalmals noch keine Eisenbahnen, in Planwagen, der primitivsten Maringotte, durchzogen die Künstler die Länder, oft genug grosse Vermögen mit sich führend, die sie wiederum nur zu oft gegen die Banditen zu vertheidigen hatten. Aber dank der eisernen Konstitution der Rappo’s wurden beide verhältnissmässig alt, und beide starben ruhig in ihren Betten.

Karl Rappo entstammt einer adligen Tiroler-Familie und wurde am 14. Mai 1800 in Innsbruck geboren; er vermählte sich 1825 mit Josephine Belli in Hamburg, starb in Möskau am Typhus im Jahre 1854 und ruht auf dem Katherinen-Friedhof daselbst und sein Grab schmückt ein prächtiges Denkmal. Frau Josephine Rappo ist im Jahre 1880 in Breslau verstorben. Sie hatten drei Kinder François, Josephine und Peter.

Charles’s Hauptfeld zur Bethätigung seiner künstlerischen Fertigkeiten war hauptsächlich Russland, wo er in Kaiser Nikolaus einen besonderen Gönner hatte. In Petersburg wurde er nach seinem ersten Auftreten zur kaiserlichen Tafel befohlen und bei derselben von Allerhöchster Seite sehr ausgezeichnet. Nach Schluss der TAfel äusserte der Kaiser, dass er von Rappo’s Leistungen, insonderheit von seiner Kraft, auf’s höchste erstaunt sei, möchte aber doch noch ein ganz besonderes Stück seiner Stärke sehen. Nach Veerabredung fuhr der Czar am mächsten Vormittag über den Newsöy-Prospekt und Rappo, der ihn erwartete, sprang hinten an den Wagen und hieltihn benahe, trotzdem der Kaiser die Pferde anfeuerte, eine Minute fest. Der Kaiser war darüber so erstaunt, dass er Rappo in den Wagen befahl, sofort nach seinem Palast zurückfuhr, ausstieg und ihm den Wagen mit den zwei Pferden komplet zum Geschenk machte. 1834 befand sich Rappo in Nischnej-Nowgorod, wohin die berühmte Messe von Markarjew verlegt war. Er machte hier ausgezeichnete Geschäfte und machte sich dann mit reichen Baar-Kapitalien, vielen Ehrengeschenken etc. auf den Weg über Kksan un Simbirsk.

Ganz unerwartet schloss sich seinem Zuge unterwegs ein russischer Legationsrath, Herr von Brunowsky, an, dessen Gunst sich Rappo in hohem Grade erworben hatte, und der ihm deshald aus Liebhaberei nach Simbirst folgen wollte, um dort während Rappo’s Aufenthalt zu verweilen. Von ihm hörte Rappo der mit den russischen Zuständen noch gar nicht vertraut war, zu seinem Erstaunen, dass Herr von Brunowky es vorgezogen habe, sich seinem Wagenzuge anzuschliessen, da der Weg durch den Simbirsker Wald, in welchem man sich eben befand, schon siet längerer Zeit durch eine ebenso freche wie starke Räuberbande unsicher gemacht werde. Hätte Rappo dies vorher gewusst, so würde er seine Massregeln anders getroffen haben; so aber befand man sich keineswegs in der Lage, dem Angriff einer grösseren Anzahl von Räubern zu begegnen. Der grösste Theil der Gesellschaft und Gehilfen war nämlich bereits vor einigen TAgen mit der meisten Bagage vorausgezogen, um in Simbirsk mit dem Bau des Theaters zu beginnen. Rappo’s Zug bestand daher nur aus drei Wagen, welche von russischen Kutschern gefahren wurden und den ganzen werthvollsten Theil seiner Habe enthielten. Ausser Rappo und dem Herrn v. Brunowsky, einem alten schwächlichen Herrn, befanden sich bei dem Zuge nur fünf Diener, sechs männliche Mitglieder der Gesellschaft undmehrere Frauen und Kinder, darunter François Rappo, damals ein Knabe von acht Jahren und bevorzugter Günstling des Herrn v. fBrunovszky. Rein aus Zufall traf es sich, dass fünf Hunde, die Rappo sehr liebte, sich bei dem Zuge, unter den Wagen angekettet, befanden.

Rappo’s Riesenstärke war von einem Löwenmuth begleitet, der nie gewusst hat, was Furcht ist! Er liess sich deshalb auch in diesem Falle durch die sehr ungünstigen Umstände nicht einschûttern, versah sich und seine Gefährten, so gut es der schwache Vorrath erlaubte, mit Waffen, liess Büchsen un Pistolen laden und ermahnte seine Leute in kurzen Worten, das Ihrige zu thun, wenn „was passieren sollte”. An das Hilfsmittel, die Hunde loszulassen, um durch sie seine Streitkräfte zu vermehren, dachte man merkwürdigsweise nicht; entweder weil man ihre Tüchtigkeit unterschätzte – sie waren zu Kunststücken dressirt und durchaus nicht bösartig – oder weil man in solchen Fällen stets das Nächstliegende zu übersehen Pflegt. Rappo hatte nach zwei Stunden durch seinen unverwüstlichen Humor eben die Zuversicht und Unbesorgtheit der Gesellschaft wieder hergestellt, als ganz uerwartet die Katastrophe eintrat. Es fiel ein Schuss – ein Pferd des ersten Wagens stürzte und versperrte den Weg. Drei riesige Kerle sprangen aus dem Dickicht, ind den Händen ein starkes Tau tragend, welches sie zu beiden Seiten des Weges an Bäumen befestigten, und zwar so, dass die Passage nun vollends gehemmt war. Im nächsten Augenblick stürzte aus Gebüschen, Gräben und hinter der Bäumen hervor eine Kohorte wilder, beutesüchtiger und blutdürstiger Hallunken wie ein Bienenschwarm über die Wagen her.

Blitzschnell war Rappo bei dem ersten Schuss vom Wagen gesprungen und hatte sich, seine beide Pistolen unter die dichte Menge der Räuber abfeurend, sie ein Löwe unter die Angreifer gestrürzt! Von solchem Beispiel begeistert, folgten ihm seine Leute heldenmüthig; es entspann sich eine heftiger Kampf der Wenigen gegen die Uebermacht. Herrn v. Brunowsky hatte gleich beim ersten Anprall ein Säbelhieb über den Arm kampfunfähig gemacht; er lag blutend in seinem Wagen und musste das Plündern der Räuber und das Gefecht als unthätiger Zuschauer mit ansehen, die russischen Kutscher entflohen sofort, unangefochten von den Banditen.

Als hätten die Räuber, mehr als dreissig an der Zahl, gewusst, das Rappo der Führer des Zuges und ihr gefährlicher Gegner sei, so warfen sie sich gleich in grosser Anzahl auf ihn; zwei von ihnen packten hinterrücks: Jeder einen Arm desselben, und der tapfereFührer schien sofort übermannt zu sein. Alles das hatten die Räuber gut berechnet und durchgeführt, aber Eines hatten sie nicht in Anrechnung gebracht, was ihnen bald fühlbar werden sollte: nähmlich Rappo’s ungeheure Körperkraft. Ein Fusstritt von ihm schleuderte den dritten Räuber, der ihm eben den Garaus machen wollte, förmlich in die Luft, dann schlug er mit gewaltiger Anstrengung seine beiden Arme, die von den Räubert gepackt waren, zusammen, die Köpfe der beiden Banditen fuhren krachend aneinander und beide Kerle lagen mit zerschmettertem Schäden am Boden. Entsetzt über dieses ungeheure Probestück von Kraft wichen die umstehenden Räuber unwillkürlich einige Schritte zurück. Mit jeder Hand ergriff der befreite Rappo eine Büchse der vor ihm liegenden Banditten er sah mit Freude, dass auch seine Leute wacker kämpften, und mit einem donnernden Hurrah seiner Tenorstimme fuhr er unter die Angreifer, deren Köpfe ihm  als Ambos dienten, auf welchen beide Büchsen in seinen Händen wie kolossale Schmiedehammer arbeiteten. Aber seine eingene Stärke wurde ihm dabei hinderlich; schon nach wenigen seiner wuchtigen Streiche waren beide Büchsen, so massiv und schwer sie auch waren, wie dürre Stäbe zerbrochen. Selbest bereits aus mehreren leichten Wunden blutend, entwand er einem der Räuber eine dritte Büchse, obgleich dieser sie erst aufgab, nachdem sein Handgelenk gebrochen war, und von neuem fuhr diese wie die Keule eines Herkules unter die Räuber. Eben war auch die dritte Büchse zerbrochen, da tönte ein gellender Hilfschrei seiner Frau, der Ruf: „Karl, Karl, zu Hilfe!” an sein Ohr. Wie ein Blitz flog RAppo’s Auge nach jene Stelle hin; da sah er sein tapferes Weib, ihr jüngstes Töchterchen auf dem linken Arme, mit dem rechen einen Knittel schwingend, sich mit dem Muth der Verzweiflung gegen die andringenden Räuber vertheidigen. In der ungeheuersten Aufregung  erblickte er  die Deichsel eines Wagens, dem man die Pferde genommen hatte, und die sich an einen Baumstamm vorbei streckte – er sprang hin, packte sie mit beiden Händen, drückte sie gegen de Baum – ein furchtbarer Ruck und sie war zerbrochen.

Er ergriff das abgebrochene Stück der Deichsel, nunmehr eine wirkliche Keule, und flog  zur Rettung seiner Frau, seines Kindes herbei. Aber dem Wege dorthin, so kurz er war, hemmte etwas Entsetzliches seinen Schritt. Er sah, wie einer der Räuber seinem Töchterchen auf dem Arme der Mutter mit einem Säbelhiebe den Kopf spaltete.

Wir brauchen nichts weiter zu sagen als dass Rappo im nächsten Augenblick unter die Banditen fuhr. Mit der einen Hand ergriff er den Mörder seines Kindes und erwürgte ihn, mit der anderen Hand schwang er die Keule zu unzähligen schmetternden Hieben auf die Räuber. Er hielt den Mörder seines Kindes noch wie im Krampfe fest, nachdem dieser bereits leblos in seiner Faust hing. Wer den wackeren Mann persönlich gekannt hat, erinnert sich wohl noch – der Narben, mit denen hand un Arm bedeckt waren: sie rührten von dem Hieben her, welche die Banditen des simbirsker Waldes vergeblich darauf führten, um ihren Genossen aus dem Eisengriff dieser Faust zu befreien.

Einige Minuten hatte dieser letzte Kampf gewährt, da schien er einem schrecklichen Ende nahe zu sein. Einer der Räuber unterlief Rappo von hinten und warf ihn so zu Boden. Im nächsten Augenblick warfen sich die Räuber über Rappo, und ein Dutzend Messer funkelten in der Luft, um seinem Leben ein Endez u machen. Da geschah etwas merkwürdiges! Eine dunkle Gestalt flog mit gewaltigem Satz über Rappo hin, eine zweite, dritte, vierte folgte – man hörte ein heiseres Knurren, und an  den Kehlen der nächsten Räuber würgten zähnefletschen die tapferen, treuen Hunde, jeder vor Wuth ein entfesselter Teufel. Die Räuber wichen entsetzt zurück, Rappo sprang auf, der Kampf begann von neuem, die noch nicht zu schwer verwundeten Gefährten Rappo’s sammelten sich um ihn, die Hunde wütheten wie Tieger gegen die Mitglieder der Bande, und nach wenigen Minuten flohen die Räuber, welche noch nicht ihrer Wunden wegen – das Feld geräumt hatten, in wilder Flucht von daunen, - auf jene neuen fünf Kämpfer hatten sie nicht gerechnet, und diese hatten den Sieg entschiden.

„Und was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth!” François Rappo, der achtjährige Knabe, den ein Räuber einfach roh aus dem Wagen geschleudert hatte, war, als er Vater und Mutter von den Räubern so bedrängt sah, unter die Wagen gekrochen und hatte die Hunde losgemacht!

Wie heiss der Kampf gewesen, das bewies der Verlust. Von Seiten der Rappo’schen Gesellschaft waren zwei Diener, zwei seiner Künstler, eine Frau, ein angenommenes fünfjähriges Kind und Rappo’s eigene Töchterchen getödtet worden; fast alle Uebrigen waren mehr oder minder schwer verwundet, der Verlust in Werthgegenständen war ein bedeutender. Von Seiten der Räuber blieben neuen Todte und sieben Verwundete auf dem Platz. Letztere wurden den Gerichten übergeben und nach der Strenge des Gesetzes bestraft. Grossen Nachtheil hatter Rappo noch dadurch, dass er, nachdem man mit Mühe und Noth Simbirsk erreicht hatte, neun Monate unthätig zubringen musste, bis die Wunden heilten und das Geraubte durch Neues ersetzt war. Erst dann konnte man die Vorstellungen beginnen. Herr von Brunowsky, der Zeuge des ganzen Vorfalles, fasste einen Bericht darüber nach Perersburg an den Kaiser ab, in Folge dessen derselbe an Rappo den schmeichelhaftel Befehl ergehen liess, zu einem Cyklus von Vorstellungen, denen er selbst mit seinem Hofe beiwohnen werde, nach Petersburg zu kommen. Auf vielseitiges Anrathen setzte Rappo sein Abenteur als Pantomime in Scene und führte es zum ersten Male in Petersburg vor dem Kaiser selbst auf, der nach dem Beiwonhen dieser Vorstellung dem tapferen Rappo ein Jahresgehalt aussetzte das dieser bis zu seinem Todt im Jahre 1854 bezog.