Oesterr.-Ungar. Artisten-Zeitung Nr. 1. Budapest, den 9 November 1890. I. Jahrgang

Zur Budapester Artisten-Bewegung[1]

In Artistenkreisen spricht man noch immer sehr viel von der jüngsten Artistenbewegung und auch das Publikum interessiert sich für dieselbe. Die Ursache dieser Bewegung war eine ganz bewöhnliche Kaffehaus-Affaire, über welche zu sprechen nicht der Zweck dieser Zeilen ist, die Wirkung eine ganz unerwartete. Hier kam das Sprichwort: „Kleine Ursachen, grosse Wirkungen” zu vollen Ehren und das dies überhaupt möglich war, ist wohl nur dem Umstande zuzuschreiben, dass die hiesigen Artisten schon lange mit ihren gänzlich ungeordneten Verhältnissen unzufrieden waren und den ersten Anlass benützten Ordnung in die desolaten Zustände zu bringen.

Meine schon lange gehegte und erläuterte Idee zur Gründung eines Artisten-Fach Vereines welcher sämmtliche Interessen des Standes wahren soll, eilt ihrer Verwirklichung entgegen und nur einige Tage trennen uns noch von dem Zeitpunkte wo der „Budapester Artisten Verein” uns als erlösender Messias erscheinen wird. Derselbe wird ein fester Schirm gegen die Übergriffe einzelner, ihren Stand nicht ernst nehmender oder ihre Stellung überschätzender Faktoren sein, er wird all’ das Unkraut welches wieder seit Jahrzehnten aus dem Schlamme des Unverstandes und Cynismus amporgewuchert, ausmärzen, er wird das Selbstbewusstsein des Artisten heben und ihn auch in den Augen des Publikums zu jener Höhe emporheben auf welche er naturgemäss gehört und sich in andern Ländern Gottlob schon sein geraumer Zeit befindet. Es ist fast unglaublich wie weit zurück der Artist hier in Ungarn gegen andere Staaten, hinsichtlich des allgemeinen Rechtes ist und wollte ich zur Begründung dieser Behauptung die einzelnen rechtlosen Fälle anführen, ich müsste ganze Bände füllen. Um so erfreulicher ist es das sich die Artisten selbst aus dieser erniedrigenden Lage befreien wollen und deshalb begrüsst jeder rechtlich denkenden Artist und dessen Interessenten die Gründung des neuen Vereines mit Freude.

Haben sich die Artisten durch die „Internationale Artisten Genossenschaft” in Erkränkungs- und Sterbefällen als auch bei etwaiger Invalidität sicher gestellt, so wird der „Budapester Artisten Verein” ihre Standesinteressen würdig und wirksam vertreten, die bestehenden Übelstände mit einem Schlage nichten, die nothleidenden Collegen unterstützen und dadurch verhindern, dass anständige Talente an Mitellosigkeit zu Grunde gehen. Möge daher der neue Verein blühen und gedeihen, was aber nur dann möglich ist, wenn wir alle fest halten an unserem Motto: „Einen für Alle, Alle für Einen!”

                                           Armin

Circus

Eisenbahnunglück. Man meldet aus New-York 29. Oktober. Ein langer Bahnzug mit Barnums Zirkusgesellschaft entgeleiste theilweise, fünf Personen wurden getödtet, eine Menge werthvoller Pferde und einige wilde Thiere kamen um.

Barokaldis Sommer Circus im Budapester Stadtwäldchen hat bereits mitte Oktober die Saison beschlossen, auch heuer hatte Barokaldi nicht nur materielle sondern auch bedeutende artistische Erfolge aufzuweisen. Während der Saison waren im Barokaldischen Circus hervorragende Artisten engagirt welche vorher in den grössten Etablissements und Circuses beschäftigt waren. Director Barokaldi ist eben der Mann der keine Opfer scheut um nur seinem Publkum Gutes und Sehenswerthes zu bieten. Nur eines ist zu bedauern, dass der strebsame Meister Barokaldi nicht auch während der Wintersaison in der Stadt selbst seine Thätigheit entfaltet, die Gunst der Budapester wäre ihm auch während der Wintersaison gesichert.

Clown Anatole Durov[2] darf in Russland wieder auftreten. Wie erinnerlich hat derselbe während seines letzten Aufenthaltes in einer grösseren Stadt des Czarenreiches wegen Beleidigung des Polizeimeisters einige Unannähmlichheiten zu bestehen gehabt, nun ist die Sache beigelegt worden, auf Verwendung einiger hochgestellten Persönlichkeiten für den originellen Schweinedresseur und so kann Durow abermals an der Newa seine Schweine mit den neuesten Trics zeigen. Wie es scheint wurde, Väterchen besänftigt.”

Mlle Sarnov[3] welche seit mehr als drei Jahren in den hervorragendsten Manégen bewündert wird, hat ihre ohnehin wunderbaren Leistungen zu Pferde um einen interressantes Tric bereichert. Wie auf dem hier stehenden Bilde ersichtlich werden in der Mitte der Manége vier Flaschen placirt, nun lässt Mlle. Sarnov in geradestehender Positur das Pferd auf alle vier Flaschen stellen, dan wechselt „Itam” (dies der Name des grossartig dressirten Thieres) die Stellung so, dass dasselbe blos auf zwei Flaschen stehend, die andern zwei Füsse frei in Lüften hält. Das Kunststück wirkt sensationell und wir wollen hoffen das in der nächsten Sommersaison Director Wulff nicht verabsäumen wird auch den Budapestern diese glänzende Circus Nummer zu präsentiren.

Albert Schumann’s Skandinavischer Circus verliess Anfangs November Wien. Director Schumann kann mit seinen Erfolgen sehr zufrieden sein, auch bleibt ihm das beste Angedenken bei den Wienern zurück und wird seine Wiederkehr denselben stets willkommen sein.

Hervorragende Budapester Vergnügungs Etablissements

Budapester Artisten-Album. Kapellmeister Adolf Kmoch

Gesangskomiker Schönberg

Notizen

Artisten Matineé im Somossy Orpheum.

Budapester Artistenverein in Constituirung

Beitritts Erklärungen

Circus-Aufenthalt in Ugnarn

Circus Franz Dubsky in Bezdan

Circus Josef Enders in Ó-Becse

Johann Nagy in Siebenbürgen

Circus A. Reich in Oberungarn

Circus Andreas Richter in Esseg

Circus Franz Wollner in Lugos

Oesterreich, Böhmen und Galizien

Circus Schumann in Wien

Cirque Alexander in Galizien

Circus Blumenfeld ét Sohn in Krakau

Circus Henry Humpoletz in Böhmen

Circus Josef Jung in Pardubitz (Böhmen)

Circus Theodor Sidoly in Prag

Circus Rudolf Hipka in Galizien.

Avis. Die Herren Circusbesitzer werden hiermit ersucht uns ihren jeweiligen Aufenthaltswechsel bekannt zu geben, damit die Adressen in richtiger Evidenz gehalten werden können. Achtungsvoll Die Redaction.

Wiener Singspielgesellschaften

Etablissements 

Dompteur Charles Prinze mit seinen 4 dressirten Bären (Zu den vorstehenden Bilde.)

(Eine Glanznummer des Herzmann’schen Orpheums) Wir hatten im Laufe der letzten Jahre Gelegenheit hier in Budapest verschiedenartige Dressur-Production zu sehen, doch keine hat einen solchen Erfolg und Anerkennung beim hiesigen Publikum gefunden wie Meister Prinze mit seiner Bärengruppe. Das Herzmann’sche Orpheum ist allabendlich überfüllt und harrt schon in gespantester Erwartung der Bären-Vorführungs-Nummer welche gewönhlich in dem zweiten Theil des Programmes eingereiht is.

Wir wollen nun versuchen die Leistungen des ausgezeichneten Dompteure ein wenig zu scizziern; der Vorhang geht in die Hohe und wir erblicken auf der von einer Walddecoration umgebenen Bühne 4 Bären, wahre Prachtexemplare, die zwei kleineren Bären sitzen auf Stühlen, die zwei grösseren, von denen der eine als wahres Koloss seinen Führer und Dresseur um zwei Kopfeslängen überragt, sind seitwärts angekettet. Nun beginnen die zwei kleineren Thiere nach dem Takte der Musik verschiedene Tänze und Pirouetten auszuführen. Nach diesen erscheint Mr. Prinze. Wer da glaubt einen riesenstarken Mann so wie man sich gewohnlich Thierdresseure vorstellt, vor sich zu sehen zu bekommen, ist arg entleuscht, nichts von alldem, Mr. Prinze ein junger Mann mit intelligenter schmächtiger Erscheinung tritt auf, ohne jede Waffe, ja selbst ohne den obligaten Stock und selbst ohne Peitsche auf der Bühne, kettet dann das grosse Riesenthier los und lässt es auf einen Sessel Platz nehmen, auf einem dem Thiere vorgestellten Tische wird dann Meister Petz ein Souper servirt, welches von denselben mit gierigen Bissen verschlungen wird. Nun folgt ein Blick des Dompteurs auf den zweiten Bären „Hassan” und derselbe springt auf eine sich nach vor und rückwärtz bewegende Walze, steht in gerader Stellung trozt der schnellsten Bewegungen, dann klettert das Thier auf Stühle macht Freistehen auf auseinandergezogenen Sesseln und führt schliesslich eine Kautschukproduciton aus. Die Leistung welche nun folgt ist eine zwerchfeller-schütternde für das Publikum, die ganze Bären-familie erhält Flaschen in den Pratzen und sprechen dem darin enthaltenen Wein tapfer zu, nun geberden sich die Thiere wie echte Saufbolde, taumeln hin und her, wanken nach rechts und links plötzlich erinert sich den Clovnbär August seiner Stellung als „Künstler” und wirft die Flasche weg lauft das hohe Seil hinan, geht auf denselben bis zu einen kleinen Balkon, dort findet er eine frische Flasche Wein und, erwischt dieselbe und trinkt auch diese zum Gaudium des Publikums aus.

Nun folgt der Glanztric der Produciton der „Ringkampf zwischen Dresseur und dem Riesenthiere”. Meister Prinz reisst den Riesenbär vom Essen weg, das Thier gereitz das es in seiner Behanglichkeit gestört wird, geht mit offenen Armen auf den Dresseur los und umfasst dessen Leib es entsteht ein veritabler Ringkampf und der Bär hebt den Bändiger mit einen mächtigen Satz in die Luft und schleudert ihm zur Erde, das Publikum wähnt den Dresseur für verloren, da plötzlich – ein Ruck und Meister Prinze ist wieder in die Höhe gekommen, erhebt sich, umschliesst den Leib des Ungethümes und nach kurzem Ringen unterliegt der Bär und der Bändiger setzt sich auf das Thier in einer siegesbewussten Stellung. Dass das Publikum in dröhnenden Beifall ausbricht bedarf keiner weiteren Erwähnung, denn kaum hat ein Dompteur seine Thiere in Freiheit so dressirt vorgeführt, wie Mr. Charles Prinze und darum ist es auch kein Wunder wenn „ganz Budapest” allabendlich ins Herzmann’sche Orpheum wandert um die Bärenproduction zu bewundern. – Mr. Prinze hat für das Ausland für die nächste Zeit in den grössten Etablissements abgeschlossen und wir sind überzeugt, das er überall sowie hier gerechte und verdiente Anerkennung und Beifall finden wird.

Das vorstehende Bild zeigt uns Mr. Prinze mit den Riesenbären und den zweiten Namens Hassan.

Budapester Chantant-Berichte

Provinz Berichte

 



[1] Kép: Hervorragende Budapester Vergnügungs-Etablissements.Das Somossy-Orpheum in der grossen Feldgasse.

[2] Rajzzal.

[3] Képpel.