Oesterr.-Ungar. Artisten-Zeitung Nr. 12. Budapest, den 28. Mai 1891. II. Jahrgang

Der verunglückte Extrazug des Cirkus Carré

Ueber den Zusammenstoss, der jüngstens in der Nähe von dem westphälischen Dorfe Löhne zwischen einem Personenzuge und dem Extrazuge des Zirkus Carré stattgefunden hat, langen detaillertere Nachrichten an, die das Unglück noch grösser erscheinen lassen, als dies nach der ersten Meldung der Fall war. Löhne liegt zwischen Herford und dem Bade Oeynhausen und die ihm benachbarte kleine Station Kirchlengern, der eigentliche Schauplatz der Katastrphe bildet den Kreutzungspunkt der alten Köln-Mindener Bahnstrecke und der von Osnabrück über Hameln-Hildelsheim-Braunschweig nach Berlin führenden neuen. Der Personenzug kam von Osnabrück und fuhr dem in der Station haltenden Extrazuge, in welchem das Personal und der Marstall des Zirkus der Weiterfahrt harrten, in die Flanke. Der Zusammenstoss erfolgte mit fürchterlicher Kraft. Von dem im Zuge gewesenen Personale des Zirkus sind bis jetzt 6 Mann todt, 15 schwer verletzt. Der Frau Carré wurden beide Beine abgefahren. Die Tochter Carré’s war getödtet. Der Personenwagen wurden förmlich zu Trümmern gerieben. Die Pferde- und Requisitenwagen blieben unbeschädigt. Carré der nur leicht verletzt ist, bot ein Bild furchtbarsten Schmerzes, als er seine Frau, entsetzlich verstümmelt und die Leiche der Tochter fand. Aus Berlin wird uns telegraphirt: Bei dem Zusammenstoss mit dem Extrazuge des Zirkus Carré sind auch drei Beamte getödtet worden. Schwer verwundet sind die Schulreiterin Grothe, eine Dame vom Ballet, der Jockey Achillisu nebst Frau, drei Brüder Cazini, Frau Persina, Frau Jotty und Fräulein Adams. Zirkus-Direktor Salamonsky, der jetzt in Moskau weilt und ein Bruder von Frau Carré ist, wurde von dem Unglück telegraphisch benachrichtigt. Die Verwundungen und Todesursachen sind theilweise entsetzlich. Einigen wurde die Brust eingedrückt, einem der Kopf gänzlich vom Rumpfe getrennt.

Nach einer telegraphischen Meldung aus Berlin, schreibt der dortige „Reichsanzeiger” über die Eisenbahnkatastrophe, welche den Zirkus Carré betroffen hat: Der Zusammenstoss in Kirchlengern erfolgte, weil der dienstthuende Stationsbeamte vorschriftswidrig das Einfahrtssignal gab und der Lokomotivführer des Personenzuges zu spät bremste. Der Stationsassistent wurde sofort verhaftet; gegen den Lokomotivführer wurde das Strafverfahren eingeleitet. – Die verunglückte Frau Carré ist die Gattin des jungen Zirkusdirektors dieses Namens. Die alte Frau Carré, Witwe des vor einigen Jahren verstorbenen Direktors, befindet sich, nach einer uns aus Wiesbaden zukommenden Meldung, gegenwärtig in Wiesbaden zur Kur. Die bei der Katastrophe verunglückte Frau wird in der Familiengruft in Amsterdam beigesetzt werden. – Weiter erhalten wir aus Berlin noch folgende Mittheilungen: Hier eintreffende weitere Berichte über das Eisenbahnunglück ergeben, dass dasselbe eines der schrecklichsten war, welche in den letzten Jahren in Deutschland vorgekommen sind. Der Wagen des Extrazuges, in welchem Direktor Carré mit seiner Familie sass, wurde zertrümmert. Frau Carré wurde später mit zerschmettertem Kopfe todt herausgezogen. Herr Carré selbst wurde hinausgeschleudert und erlitt Verletzungen am Arm, am Knie und auf der Nase, blieb aber am Leben. Ebenso eine in demselben Coupé befindliche Tochter des Carre’schen Ehepaares. Die in den übrigen Abtheilungen des Wagens befindlichen Personen erlitten ebenfalls mehr oder minder schwere Verletzungen. Den Zugsführer und den Schaffner des Extrazuges fand man todt auf dem Tender. Ersteren anscheidend durch Druck auf die Brust ertickt, Letzteren mit schweren Verletzungen am Kopfe. Dem den Extrazug begleitenden Betriebskontrolor war der Kopf buchstäblich vom Rumpfe gequetscht. Ein hinter dem Wagen erster und zweiter Klasse fahrender Personenwagen dritter Klasse wurde weniger beschädigt, die dahinter folgenden Wagen mit Pferden und Requisiten sind fast unversehrt geblieben. Unter den verletzten Passagieren des Extrazuges befanden sich nur Mithlieder der Carre’schen Zirkusgesellschaft. Von den Reisenden des Personenzuges, welcher mit dem Extrazuge zusammenstiess, ist Niemand verletzt.

Brüder Deltorelli

Musikal Excentric-Clowns (Cirkusz Wulff)   [két portréval]

Zwei Budapester, welche im Auslande durch Leistung und Fleiss die höchste Stufe und das bedeutendste Ansehen errungen haben, bieten wier heute unserem Leserkreise in Wort und Bild.

Die Brüder Deltorelli behören zu jenen Artisten, welche sich nicht mit mittelmässigen  Leistungen begnügen, sondern nach dem Höchsten streben, um allen und jedem gerecht zu worden.

Die Brüder Deltorellis haben bis heute in den vornehmsten Etablissements Europas gearbeitet. Die hervorragensten Cirkuse boten den Deltorellis Gelegenheit Ruhm und Ansehen zu ärnten.

Von den einzelnen Trics erwähnen wir, dass das Schellenspiel auf Händen und Füssen ein Muster original tric der Deltorellis bildet.

Ihre Schlittenschellenproduction ist voller Harmonie, die Violintrics sind urkomisch und äusserst musikalisch gehalten.

Die sogenannte Schwungzither wird von den genialen Clowns ausgezeichnet gehandhabt, und kaum dürfte ihnen ein zweites Clownpaar urwüchsiger dies nachthun.

Die Brüder Deltorelli benützen hier bei Ausführung ihrer Trics die ungarische Sprache und dadurch gewannen sie auch die Sympathien ihrer Landleute. In Kurzem verlassen dieselben Budapest, u min Italien ein auf mehrer Monate abgeschlossenes Gastspiel zu entritten.

Der Erfolg und die Anerkennung wird ihnen auch wie bisher treu bleiben.

Wir wünschen es unseren Landsleuten vom ganzen Herzen.

Budapester Chantant- und Orpheum-Berichte

Cirkus Wulff

Die Circus-Saison ist in vollem Gange, der Circus ist allabendlich ausverkauft und alles zieht hinaus ins Stadtwäldchen, um sich an den hyppologischen und artistischen Sehenswürdigkeiten des Circus zu ergötzen.

Die haute Aristocratie hat allabendlich hier ihr „Stelldichein” und der wunderbare Marstall ist allabendlich von hunderten Zusehern belagert, welche das herrliche Pferdematerial bewundern.

In den nächsten Wochen kommt die Wasserpantomime zur Aufführung und dieses interessante Schaustück wird gewiss seine Wirkung nicht verfehlen.

Über das Juni-Programm werden wir in nächsten Nummer ausführlich berichten.

Barokaldi’s Volksarene Népliget

Das Mai-Programm Barokaldis übt ungeschwächte Zugkraft, es kommen immer neue Artisten ins Treffen und Meister Barokaldi bringt die grössten materiellen Opfer, um sein Publikum festzuhalten.

Die Gymnastiker-Familien Biasini, Fiori und Raab mit dem kleinen Stuhlpyramydenkünstler Piccolo finden lebhaften Beifall.

Barokaldi selbst hat eine neue Nummer der Pferdedressur gebracht. Das Aportirpferd „Hassan” kann für den grössten Circus als Specialität gelten.

Täglich finden abwechselnd neue Pantomimen statt.

Thelephondrahtkünstler Menotti in Budapester Thiergarten

Am 31. d. M. findet im Thiergarten die erste Production des Telephondrahtkünstlers Menotti statt. Seine phänomenale Production auf dem 80 Fuss hohen Telephondrahtseile hat in den grössten Städten Europas Sensation erregt und Menotti hat durch seine Leistung Blondin übertroffen, nachdem derselbe in gleicher Höhe auf den denkbar dünnsten Drathseil die schwierigsten Trics ausführt. – Denn Künstler-Agenten Herrn Henry Huline ist es gelungen  diese artistische Spezialität für einige Productionen der Direction des Thiergartens zu engagiren und ganz Budapest wird Herrn Huline zu Danke verpflichtet sein, eine solch’ grossartige Schaunummer dem hiesigen Publikum zur Anschaung gebracht zu haben. Über die Productionen selbst berichten wir nächstens ausführlich.

Zirkus Schumann ist derzeit der Renesvousort der Aristokratie und Sportwelt Wiens und welche lebhafte Interesse auch die allerhöchste Kreise dem Director Alb. Schumann und seinem brillanten equestrischen Leistungen entgegenbringen, beweist der Umstand, dass die Hofloge ind der abgelaufenen Woche nahezu allabendlich von Mitgliedern des Kaiserhauses und den hier weilenden fremden Potentaten besetzt war.

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