Ungarische Spezialitäten*

Das ungarische Volk darf sich rühmen, eine grosse Anzahl bedeutender Talente auf allen Kunst-Gebieten hervorgebracht zu haben. Was speciell das Theaterleben anbetrifft, hält es getrost den Vergleich mit Deutschland aus. Man braucht nur einige Schauspieler und Bühnen-Künstlerinen, die dem Ungarlande entsprossen sind, mit Nahmen aufzuführen und man wird Namen nennen, die in der ganzen Welt bekannt sind. Denn wer hat nicht von einem Adolf Sonnenthal, Siegwart Friedmann, Emerich Robert und Ludwig Barnay gehört oder von einer Katharina Frank, Marie Barkány und anderen Bühnengrössen?

Fast noch mehr Kräfte, als Ungarn dem Theater und zumal dem deutschen Theater zugeführt hat, hat es der Specialitätenwelt geliefert. Unter diesen ungarischen Spezialitäten nimmt die Ungar-Sängerin oder, wenn sie ungarisch und deutsch singt, ungarisch-deutsche Liedersängerin genannt, den ersten Rang ein. Es gibt wohl keine Spezialitätenbühne auf der ganzen Welt, die nicht eine „schöne Ungarin” zu ihren Mitgliedern gezählt hat oder zählt. Die ungarische Soubrette ist schon äusserlich eine gewinnende Erscheinung. Glänzend schwarzes Haar, schwungvolle Brauen, sprechend schwarze Augen ein sinnlicher Mund, ein volles Kinn und ein kräftig gewölbter fester Bau der Brust sind die hervorstechenden körperlichen Merkmale der ungarischen Frauen. Die Ungarinen haben das, was man Race nennt, und ihrem Reiz haftet nicht selten etwas beinahe Creolisches Quadronisches an. Ihr Naturel ist rasch, sanguinisch, ehr Empfinden elementar, aber mit jener Anmuth, die sonst nur ein Vorrecht genialer Frauen ist, wissen sie die stürmischen Wogen der Lust reizvoll zu glätten. Ein primitiver, ungesuchter Einklang zwischen Empfindung und Vortrag ist ihnen allen eigen, und dieses natürliche Wunder, diese diese wunderbare Natürlichkeit schaft jenen undefinirbaren Zauber, der vor ihnen ausgeht und der sozusagen dasselbe ist, was man in der Physik strahlende Wärme nennt. Die ungarische Sängerin hat eine Neigung und ein Talent sich in Scene zu setzen, aber die hat auch eine grosse metallische und melodische Stimme, ein jede innere Erregnung leicht und treu widerspiegelndes Mienenspiel und eigenartige Kunst der prononcirten Betonung, die sie zuz begeisternden Volkssängerin stempelt. Die besten ungarischen Soubretten, eine Ferenczy Zsófia, eine Horváth Rózsika u. A. setzen überdies ihren Stolz darin, bis in’s kleinste Detail des Costümes getreu den Charakter der Heimath zu wahren, der sie entsprossen sind. So sind sie in bescheidenerem Rahmen  genai dasselbe, was die unvergleichliche Liedersängerin und Schauspielerin Louise Blaha für das spezifisch ungarische Volksstück ist: die Verkörperung des anmuthigen und feurigen Typus der ungarischen Frauen, dieser berauschenden Sirenen und schmetternden Haidelerchen!

Nächst der ungarischen Soubrette müssen dem musicirenden Zigeuner als einer ungarischen Spezialität, die in den Kapellen der Gärten und auf den Gesellschaften der vornehmen Welt von Budapest ihre Weisen aufspielt, einige Worte gewidmet werden. Die von Franz Liszt in seinem Buche „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn” aufgestellte Behauptung, dass die Ungarn ihre Musik von den Zigeuner angenommen hätten, ist längst widerlegt worden. Sie widerlegt sich durch die Reiche musikalische Vergangenheit des Ungarlandes selbst. Der Zigeuner erlernte die Musik erst in Ungarn von Fachkundigen Musikern und erlernt sie noch heutigen Tages fortwährend. Einige wenige Zigeuner-Banden sind fachmässig musikalisch geschult, die anderen ahmen ihnen mit mehr oder minder Glück nach. Die ältere Musik erbt sich bei diesen braunen Musikanten traditionell fort, dass heisst der Primgeiger erbt vom Primgeiger, und so der Contrist, der Clarinettist der Cymbalist u.s.w. von ihren Vorgängern. Uebrigens hat der ungarische Zigeuner nicht einmal für seine Geige eine Zigeunerische Bezeichnung, sondern nur ungarische (hegedü) und rumänische Benennungen (Cittera-Cither.) So ausgezeichnet das Spiel der Zigeuner infolge ihrer dauernden Beschäftigung  mit der Musik und einer angeborenen Improvisationsgabe nicht selten ist, so wenig bedeutende Komponisten haben sie hervorgebracht. Der grösste zigeunerische Tonkünstler war Johann Bihari, geboren zu Abony in Pest-Piliser Comitat, gestorben zu Pest 1828. Er hatte sich achtzehnjärig mit der Tochter des berühmten Cymbalschlägers Simon Banyák vermählt.

Es wohnt dem Charakter des geborenen Ungarn ein stolzes Selbstbewusstsein, eine cavaliermässige Ritterlichkeit und ein Hang zum Abenteuerlichen inne, die ihn einerseits befähigen  eine Mehrheit von Individuen zweckmässig um sich zu shaaren, und andererseits für grossgedachte Unternehmungen geeignet machen. Ich möchte als bemerkenswerthe dritte Spezialität Ungarns seine Direktoren der „Spezialitäten” erwehnen. Leute wie ein Bolossy Királyfy, der in seinen orientalisch prächtigen, an die Wunder von Tausend und einer Nacht gemahnenden Riesen-Bühnenspiel alle Genres der Kunst zu einem grossen Ganzen verschmilzt, das einen bedeutenden Eindruck nicht verfehlen kan, sind für ihre ungarische Heimath durchaus typisch. In ähnlicher Weise versteht z.B. Direktor Somossy vom Etablissement Somossy in Budapest mit seltenem Organisationstalent seinem Theater in einer der civilisirten Grossstadt wurdigen weise jede Art von Fortschritt zukommen zu lasesn. Es ist einem gedeckten Tische vergleichbar, wo jeder Gaumen seine Befriedigung findet.

Eduard Romanowski



* Internationale Artisten Revue Budapest, 20. Nov. 1895.