Cirkusdirektor Ernst Renz †*

Nach einer Berliner Depesche ist am 3. April Morgens im Alter von 77 Jahren der Altmeister Ernst Renz gestorben. Renz war unbestritten die erste Autorität auf dem Gebiete des cirkuswesens; es gibt keine grössere Stadt des Kontinents, wo er nicht Erfolge auszuweisen hätte; in Budapest hat er mit seiner Gesellschaft wiederholt gewirkt. Renz war schon seit längerer Zeit leidend; vor etwa vier Wochen erkrankte er ernstlich und diesem Leiden ist der oft Todtgesagte erlegen. Wenn es dem „alten Renz” im Laufe der Jahre gelungen ist, aus einem ursprünglichen bescheidenen Wander-Cirkus eines der ausgezeichnetsten und vornehmsten Artisten-Etablissements der Welt zu machen, so liegt das zum grossen Theil daran, dass er mit allen Fächern seiner Kunst so wohlvertraut und in vielen ein erprobter Meister war. Renz hat als Athlet, als Springer auf dem Panneausattel, als Pferdedresseur und auf manchem anderen artistischen Gebiet „gearbeitet”. Mit Verwunderung wird es die heutige Generation vernehmen, dass Ernst Renz auch ein berühmter Seiltänzer gewesen ist. Auch einer der verwegensten und brillantesten Reiter ist Direktor Renz gewesen. Bis vor wenigen Jahren sass er noch im Sattel wie ein Jüngling. Eine Sehnenzerreissung, die er sich zugezogen, hat ihn erst seit dieser Zeit verhindert, noch zu Pferde zu steigen. Die Gemahlin Direktor Renz’ war einst eine Panneau-Reiterin von ausgezeichneter Schönheit. Von seinen drei Söhnen, Franz, Adolph und Ernst Renz, ist Ernst schon vor längerer Zeit verstorben. Von seinen beiden Töchtern ist Amanda die Gattin des Schulreiters Hager geworden, der vor wenigen Jahren in Hamburg starb, während Jeanette einen Berliner Kaufmann zum Manne hat. In seinem Hause Marktgrafenstrasse Nr. 11 in Berlin bewohnte Herr Direktor Renz das erste Stockwerk mit seiner Gattin und seinen Enkeln Ernst und Ozeana Renz. Abgesehen von der Jagd, die er stets mit Leidenschaft gepflegt hat, bestand seine einzige Passion in dem Rauchen von sehr Theueren Cigarren.

Ernst Renz ist im Jahre 1815 in einem Oertchen bei Bruchsal in Baden geboren.

Bereits im Alter von zehn Jahren trat der Knabe Renz bei einem fahrenden Cirkusinhaber ein, der in ihm ein grosses Talent zur Pferdedressur entdeckte. Der junge Kunstreiter erhielt in den ersten Tagen seines Engagements eine für die damaligen Verhältnisse nicht unbedeutende Jahresgage von 100 Thalern. Mit 19 Jahren bereits war Renz einer der ersten Schulreiter und Mimiker und bei Pantomimen wegen seiner schönen Figur und seines ausdrücksvollen Kopfes ein gesuchter Darsteller. In jüngeren Jahren konnte er sich übrigens rühmen, ein Liebling der Damenwelt zu sein; er hatte damals zahlreiche galante Abenteuer und in deutschen Sensations-Romanen wurden halb verschleiert manche vornehme Damen als Anbeterinen des schneidegen „Artisten” genannt. Im Alter von 22 Jahren heirathete Renz die Tochter des bekannten Cirkusdirektors Gärtner. In diese Zeit fällt die Gründung seines ersten Cirkus, dessen gesammter Marstall aus zwei Pferden bestand. Allmälig nahmen seine Unternehmungen grossen Aufschwung; er arrangirte Pantomimen in prachtvoller Ausstattung, zu welchem Behufe er ein ständiges Balletkorps unterhielt. Er kultivirte auch die Dressur von Hirschen, Lamas, Kameelen, Löwen, Elephanten u.s.w. Sein jetziger Marstall enthält nicht weniger als hundertfünfzig Pferde. Bei seinen Untergebenen war der alte Renz trotz seiner Strenge im Dienste beliebt, wofür die zahlreichen herzlichen Ovationen Zeugniss ablegen, welche ihm anlässlich seines in Wien gefeierten Jubiläums vor einigen Jahren dargebracht wurden. Sein besonderer Liebling war in den letzten Jahren seine Enkelin Oceana Renz, als graziöse Schulreiterin bekannt. Cirkusdirektor Ernst Renz hinterlässt ein enormes Vermögen, das von seinen näheren Bekannten auf fünfzehn Millionen Mark geschätzt wird. Einen Theil desselben bilden die ständigen, in seinem Besitze befindlichen Cirkusgebäude in Wien, Berlin, Hamburg und Breslau. Bereits vor zwei Jahren wurde der nunmehr Verstorbene todtgesagt, und damals brachten Breslauer Blätter ausführliche Nekrologe.

Als reicher Mann konnte Renz sich auch manche Schwächen erlauben. So besass er keine geringe persönliche Eitelkeit. Er musste immer und überall als der Autor der in seinen Cirkus zur Aufführung gelangenden Pantomimen bezeichnet werden, in umfangreichen Broschüren wurde sein Name gepriesen und so oft er in der Manége seines Cirkus erschien, liess er sich von seinen Orchester mit einen dreimaligen Tusch empfangen. Man verzieh dem alten Herrn gerne diese Schwächen und beglückwünschte ihn herzlichst als ihm der alte Kaiser Wilhelm den Titel eines „Kommissionsrathes” verlieh.

Der Verblichene war ein eifriger Wohlthäter und Förderer gemeinnütziger Gerke und hat sich in der Artistenwelt ein bleibendes Angedenken für ewige Zeiten gesichert.

Unter aussergewöhnlich starker Theilnahme wurde Mittwoch, dem 6. Vormittags in Berlin der Cirkusdirektor Ernst Renz zur letzten Ruhe bestattet. Zehntausende säumten den Weg vom Trauerhause nach dem Friedhofe, als der imposante Zug über die Friedrichstrasse in fast ihrer ganzen Ausdehnung seinen Weg dorthin nahm. Die Fülle und Pracht der Kränze spottet jeder Beschreibung; aus allen Theilen der Welt waren die duftigen Scheidegrüsse eingegangen. Einen kostbaren Kranz hatte Herzog Ludwig von Baiern übersandt. Ein anderer Kranz trug auf blauweisser Schleife die Widmung des Offizierkorps der Gardekürassiere. Die „Internationale Artisten-Genossenschaft” hatte das Direktorium, die Herren: Alexander Hönig, Chefredakteur der „Revue” und Robert Daggesell, sowie A. Reiff Direktor des Americain Theater mit einem prachtvollen Kranz und dem Banner abgeordnet. Die Direktoren E. Wulff, Oskar Carré, Schumann, Busch, Kremser, Basch, Mellini, Herzog und viele andere Leiter grosser artistischer Unternehmungen waren persönlich und zwar oft aus weiter Ferne, herbeigeeilt, um den Sarg des Kollegen mit herrlichen Kränzen zu schmucken. Der Cirkus Ciniselli hatte aus Warschau drei Mitglieder mit Kränzen des Direktors und des Personals deputirt. Zahlreiche Artisten, die unter Renz gewirkt oder noch wirken, hatten den Gefühlen innigster Theilnahme in prächtigen Blumenspenden Ausdruck gegeben. Auch der Wiener Polizeipräsident hatte einen Kranz übersandt. Die leidtragende Familie war vollzählig um den Sarg versammelt, nur Kätchen Renz, die Gattin des in Trapezunt weilenden Cirkusdirektors Godefroy, wurde vermisst; der Telegraph hatte sie vergeblich gesucht. Die Feier selbst gestaltete sich zu einer recht eindrucksvollen. Dem sechsspännigen Leichenwagen wurden die Orden vorangetragen, zu Seiten des Wagens schritten die zwölf ersten Artisten des Cirkus. Die erschienen Trauerkutschen schlossen sich dem Zuge an, der durch eine vieltausendköpfige Menge sich nach dem Dorotheenstädtischen Kirchhof in der Liesenstrasse bewegte, wo die feierliche Beisetzung erfolgte.

Friede seiner Asche!



* Internationale Artisten Revue 1892.04.10.